Das Festival der Laute in Weimar, 15.-17. Mai 2026
von Dr. phil. Ingo Negwer
Wie schon 2025 hatte die Deutsche Lautengesellschaft zur ihrem jährlichen
Festival nach Weimar eingeladen. Ursprünglich wollte man sich zu Konzerten,
Vorträgen und geselligem Beisammensein in Göttingen treffen. Doch dann bemerkte
man, dass der längst feststehende Termin mit den dortigen Händel-Festspielen
kollidiert. Dankenswerterweise stellte die Weimarer Musikschule Johann Nepomuk
Hummel erneut den schönen Konzertsaal und weitere Räume zur Verfügung, so dass
das Festival zum geplanten Termin stattfinden konnte.
Peter Croton,
Vorsitzender der DLG und Festspielleiter, hat anlässlich zweier Jubiläen ein
ganz besonderes Programm auf die Beine gestellt, das es – so darf man
hervorheben – in der 30-jährigen Geschichte der Lautengesellschaft noch nicht
gegeben hat. Ja, die Deutsche Lautengesellschaft, 1996 in Stuttgart von einem
kleinen Enthusiastenkreis gegründet, feiert in diesem Jahr einen runden
Geburtstag! Vor allem aber gedenkt die Musikwelt des 400. Todestags von John
Dowland. Der bedeutende englische Lautenist und Komponist lebte von 1563 bis
1626. Ihm und seinem Werk war das Weimarer Festival in erster Linie gewidmet.
Zum Festivalauftakt fand der zweite internationale Wettbewerb für junge
Lautenistinnen und Lautenisten statt. Die Beiträge mussten ausnahmslos aus der
Feder von John Dowland stammen; „Sir John Langton his Pavan“ war das höchst
anspruchsvolle Pflichtstück. Nachdem sich zwei Finalisten kurzfristig abgemeldet
hatten, traten in der Finalrunde am Freitagnachmittag vier Lautenisten an (Das
möge den nicht minder begabten Lautenistinnen durchaus als Ansporn für künftige
Wettbewerbe dienen...). Corentin Caussin (Frankreich), Taigo Yamamoto (Japan),
Zachary Donaldson (USA) und Thomas Langlois (Belgien) boten jeweils 40-minütige
Programme, die durchweg aufhorchen ließen. Sie machten es den Juroren Jakob
Lindberg, Lynda Sayce, Catalina Vicens und Bor Zuljan unter dem Vorsitz von
Nigel North nicht leicht, eine gerechte Bewertung abzugeben. Schließlich teilten
sich Corentin Caussin und Taigo Yamamoto den dritten Preis. Mit deutlichem
Abstand (ein zweiter Preis wurde nicht vergeben) gewann Thomas Langlois dank
einer überragenden Darbietung den ersten Preis. Am Samstagnachmittag durften
sich die drei Gewinner nochmals in einem Preisträgerkonzert dem Publikum
präsentieren. Auch dort stach Thomas Langlois mit souverän und durchweg
auswendig vorgetragenen Kompositionen von John Dowland hervor, u.a. mit der
„Forlorn Hope Fancy“ und „The King of Denmark’s Battle Galliard“ (aus
verschiedenen Quellen von Langlois kombiniert). Er bewegte sich mit bravourösem
Spiel und einer verblüffenden interpretatorischen Reife mindestens auf Augenhöhe
mit den seit vielen Jahren international renommierten Lautenisten, die an diesem
Wochenende in Weimar ihre musikalische Visitenkarte abgaben.

Die Finalisten des 2. Internationalen Lautenwettbewerbs: Thomas Langlois, Taigo
Yamamoto,
Zachary Donaldson und Corentin Caussin (v.l.n.r.) (Foto: Ingo
Negwer)
Das erste Abendkonzert gestalteten Emma Kirkby (Sopran) und Bor Zuljan (Laute). Nach vielen Jahrzehnten, in denen die englische Sängerin nicht nur in der Alten Musik Maßstäbe gesetzt hat, zieht Emma Kirkby nach wie vor viele Musikfreunde an – und letztlich auch in ihren Bann. So war es gut, dass dieses Konzert mit „Lute songs & solos by John Dowland“ rechtzeitig in die Jakobskirche verlegt wurde. Kaum ein Platz blieb in dem schönen Sakralbau unbesetzt. Unprätentiös und schlicht im besten Sinne sang Kirkby geradezu mustergültig das ihr lange vertraute Repertoire. Nein, es ist nicht mehr die mädchenhafte Stimme früherer Jahre. Geradlinig, ohne den Hauch eines Vibratos trug sie Dowlands wunderbare Lieder feinsinnig vor. Das Publikum hing förmlich an ihren Lippen, die permanent Weisheiten zu verkünden schienen. Ihr Messa di voce in „Sorrow stay“ war schier atemberaubend schön! Bor Zuljan war ihr ein aufmerksamer Begleiter an der Laute. Außerdem beeindruckte er mit virtuosem, nur gelegentlich zu stürmischem Spiel („Lady Hunsdon’s Puffe“), Improvisationen und einem klugen Gespür für die kontrapunktisch verflochtenen Melodielinien in Dowlands Lautenmusik, etwa in der viel zu selten gehörten „Pavana Johan Dowland“. Wie erfüllend kann doch ein Abend voller Melancholie sein! – Beim begeisterten Publikum bedankten sich die Interpreten mit zwei Zugaben, wobei es sich Bor Zuljan nicht nehmen ließ, gemeinsam mit Emma Kirkby wunderbar zur Laute zu singen.

Bor Zuljan und Emma Kirkby in der Jakobskirche (Foto: Ingo Negwer)
Jakob Lindberg, einer der ganz großen älteren „Gentlemen of the lute“, stellte am Samstagabend seine Sicht auf die Lautenmusik von John Dowland vor. Mit „Sir John Smith’s Almain“, „Earl of Derby’s Galliard“ und „Lady Clifton’s Spirit“ startete er das Programm frisch und tänzerisch. „Semper Dowland semper Dolens“ gab anschließend den vom Komponisten selbstironisch gebrochenen melancholischen Grundton vor, ehe Lindberg in der Fantasia Nr. 6 (Poulton 6) seine Virtuosität aufleuchten ließ. Der schwedische Lautenist demonstrierte insbesondere die Vielseitigkeit Dowlands, der neben tiefer Schwermut (erneut „Forlorn Hope Fancy“) auch einen Sinn für heitere, geradezu witzige Töne hatte, etwa in „Queen Elizabeth’s Galliard“ oder „Mrs. Winter’s Jump“. Gegen Ende ließ Jakob Lindberg noch einmal eine „group of tears“ erklingen: Die „Galliard to Lacrimae“ umrahmte er mit zwei Arrangements aus „Lacrimae or seven Tears“, die er für die Laute gesetzt hat. Beschwerden an der linken Hand zwangen Jakob Lindberg leider zum Abbruch mitten in „Loth to Depart“. Mit stehenden Ovationen bedankte sich das Publikum dennoch für seinen exzellenten Vortrag. Ein rührender Moment war es, als Anthony Bailes durch den Saal schritt, um dem Kollegen mit einer Umarmung Trost zu spenden. Zwei große Gentlemen der Laute...

Jakob
Lindberg (Foto: Ingo Negwer)
Wie stets nahmen wissenschaftliche Vorträge, moderiert von Peter Kiraly, einen bedeutenden Raum beim Festival der Laute ein. Sigrid Wirth erinnerte an Dowlands Aufenthalte an den Höfen von Wolfenbüttel und Kassel. Anthony Bailes referierte über „My Lord Chamberlain his Galliard“, die bekanntlich zu zweit auf einer Laute zu spielen sind. Nigel North stellte die kürzlich unter seiner Ägide veröffentlichte neue Gesamtausgabe der Lautenwerke John Dowlands vor. Frank Pschichholz sprach über John Dowlands „Second Booke of Songs or Ayres“, und auch ich durfte einige Gedanken zu „Lady Laiton’s Almain“ aus dem Dowland Lute Book vortragen.

Thomas Langlois im Preisträgerkonzert (Foto: Ingo Negwer)
Zur aktiven und passiven Teilnahme luden Meisterkurse bei Emma Kirkby, Jakob
Lindberg und Lynda Sayce sowie Workshops von Simona Pocicha und Tobias Tietze
ein. Eine Instrumentenausstellung renommierter und junger, aufstrebender
Lautenbauer sowie ein Verkaufsstand, betreut von Oliver Holzenburg (Holzenburg
Verlag Basel) mit Tabulaturen, Noten und weiteren Musikalien, luden zum
Ausprobieren und Stöbern ein.
Mit einem Konzert der britischen
Lautenistin Lynda Sayce endete am Sonntagmittag das außergewöhnliche Festival.
Souverän und mit großer Ruhe ließ Sayce noch einmal Musik von John Dowland
erklingen. Eindrucksvoll interpretierte sie beispielsweise „Farewell – An In
Nomine“. Der kunstvollen Pavane „La Mia Barbara“ ließ sie eine nach Thomas
Simpsons Consort-Fassung selbst arrangierte „Galliard to La Mia Barbara“ folgen.
Auch zur berühmten „Lachrimae Pavan“ stellte sie ihre eigene Version einer
„Galliard to Lachrimae“ vor. Leise, wie ein sanfter Abschied spielte sie zum
Abschluss ihres Programms „Mr. Dowland’s Midnight“. Nach Lynda Sayces Zugabe
„Over the Rainbow“ bat Festivalleiter Peter Croton nochmals alle Akteure –
sofern noch anwesend – auf die Bühne. Das zahlreiche Publikum spendete dankbaren
Applaus, ehe man schließlich Abschied nahm. Ein Wiedersehen soll es vom 7. bis
9. Mai 2027 geben, wenn die Deutsche Lautengesellschaft zu ihrem nächsten
Festival nach Bremen einlädt.

Lynda
Sayce (Foto: Ingo Negwer)
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