Die 49. Tage Alter Musik in Herne (13.-16.11.2025)
von Dr. phil. Ingo Negwer
Die Tage Alter Musik in Herne haben, so darf man mit Recht behaupten,
Musikgeschichte geschrieben. Seit 1976 präsentieren sie mitten im Ruhrgebiet
Musik ferner Epochen in mehr oder weniger historisch korrekten Aufführungen. Da
die Perspektiven auf die sogenannte Alte Musik inzwischen sehr vielfältig sind,
spricht man eher von historisch informierter Aufführungspraxis. Traditionell
stellt WDR 3 als Veranstalter das Festival unter ein spezielles Motto, das in
diesem Jahr „Die Welt und wir“ lautete. Das Modethema der kulturellen Aneignung
wurde in neun Konzerten aufgegriffen und im Sinne einer Bereicherung der eigenen
Kultur ins Positive gewendet.
Zum letzten Mal begrüßte Dr. Richard Lorber
das Publikum zum Eröffnungskonzert. Für beachtliche zwanzig der insgesamt
neunundvierzig Festivals zeichnete er als künstlerischer Leiter verantwortlich.
Nun geht er in den Ruhestand. – Den musikalischen Auftakt setzte am
Donnerstagabend in der Kreuzkirche Al Ayre Español mit Musik aus Lateinamerika.
Das renommierte spanische Ensemble und sein Leiter Eduard López Banzo stellten
Barockmusik vor, die vorwiegend im Archivo de la Curia in Guatemala City
aufbewahrt wird. Mit drei Kantaten stand der spanische Hofkapellmeister José de
Torres im Mittelpunkt des Programms. Zu dessen Lebzeiten wurde das Notenarchiv
der Capilla Real bei einem Großbrand des königlichen Palasts in Madrid
vernichtet. Doch ein Teil von Torres‘ Werk konnte überdauern, weil es einst über
den Atlantik nach Mittelamerika gebracht worden war. Seine geistlichen Kantaten
bilden eine Symbiose aus italienischem Stil und typisch spanischen Elementen.
Bélen Vaquero sang sie, ebenso wie Sebastián Duróns „Vaya pues rompiendo el
aire“ (gleichfalls im Archivo de la Curia erhalten), temperamentvoll mit leicht
dunkel timbriertem Sopran. Zwei anonyme Triosonaten, sowie eine weitere von
Francisco José de Castro und ein Jácaras, ein spanischer Volkstanz von Antonio
de Santa Cruz, wunderbar interpretiert von Juan Carlos de Mulder
(Barockgitarre), rundeten das Programm ab. Al Ayre Español spielte gewohnt
klangvoll, zupackend und dennoch nuancenreich.
Am Freitagnachmittag konnte
man das Euskal Barrokensemble mit seinem Leiter Enrike Solinís in der
Kreuzkirche erleben. Sie luden zu einer quasi fiktiven musikalischen
Erkundungsreise an den Golf von Biskaya ein. Mit einer Vielzahl an Instrumenten,
darunter auch solche der baskischen Volksmusik, vermittelten sie einen Eindruck,
was man im Baskenland im Mittelalter und in der Renaissance musiziert haben
könnte. Denn erhalten hat sich in dieser Region aufgrund der Jahrhunderte langen
Unterdrückung der baskischen Kultur quasi nichts. Die gelungene Mischung aus
folkloristisch-tänzerischer Musik, baskischen Volksweisen, Gesängen aus den
Cantigas de Santa Maria oder dem Cancionero Musical de Palacio sowie Tänzen von
Claude Gervaise fand ein begeistertes Publikum.

Das
Euskal Barrokensemble (Foto: Ingo
Negwer)
Am Abend gab es im Kulturzentrum die Aufführung der Ballad Opera „Polly“ von Johann Christoph Pepusch, ergänzt durch Auszüge aus Weills „Dreigroschenoper“ und Punta Rock aus der Karibik. Dargeboten wurde diese außergewöhnliche Kombination von der Lautten Companay Berlin und ihrem umtriebigen Leiter Wolfgang Katschner. Da mir all dies – der werte Leser möge mir verzeihen – etwas zu viel des Crossover war, kann ich davon auch nicht berichten...

The Gesualdo Six (Foto: Thomas Kost)
Meine Tour durch das Herner Festival setzte ich erst am Samstagnachmittag „auf englische Art“ fort. So lautete das Motto des Konzerts mit The Gesualdo Six in der Kreuzkirche. Die von englischen Vorbildern – allen voran John Dunstable – inspirierte Musik von Antoine Brumel, Guillaume Dufay, Gilles Binchois u.a. ist ein meditativ anmutendes, zutiefst durchgeistigtes Repertoire, das sich damals wie heute vor allem an ein intellektuelles Publikum richtete. Das britische Vorzeigeensemble unter der Leitung von Owain Park (Bass) machte die Musik mit vorzüglichen Einzelstimmen auch sinnlich bewegend erlebbar. Die feine, transparente Stimmführung ebenso wie die Fähigkeit zur Entfaltung erstaunlich großer Klangpracht zeichnen das Ensemble als eines der derzeit besten aus. Den Höhepunkt erreichte das Programm am Ende mit zwei Vertonungen der Meditation „Infelix Ego“, die Giovanni Savonarola kurz vor seiner Hinrichtung verfasst hatte. Adrian Willaert komponierte auf diesen Text eine Motette mit weiten Melodiebögen und einer großen finalen Steigerung. Sie wurde dennoch von der Version, die knapp vierzig Jahre später William Byrd schuf, noch übertroffen. Begeisterter Applaus und eine Motette von Thomas Tallis als Zugabe hellten den regnerischen Novembertag in Herne merklich auf.
Konzertant aufgeführte Barockopern bilden seit vielen Jahren einen wesentlichen
Programmschwerpunkt der Herner Tage Alter Musik. Am Samstagabend konnte man im
Kulturzentrum Giovanni Legrenzis 1677 in Venedig uraufgeführtes Dramma per
musica „Il Totila“ erleben. Ein hochkarätiges Sängerensemble, begleitet vom
Orchester Nuovo Aspetto und vom Cembalo aus geleitet von Luca Quintavalle,
brachte die Geschichte der Eroberung Roms durch den Ostgotenkönig Totila und die
anschließende Rückeroberung durch Belisar, einem General des oströmischen Kaiser
Justinian, auf die Bühne. Der Librettist Matteo Noris schuf ein mit viel
Fantasie angereichertes, höchst verworrenes Musikdrama, dem man nur mit Mühe
folgen kann – oder möchte. Giovanni Legrenzi, dessen 400. Geburtstag im
kommenden Jahr ansteht, schrieb dazu eine ansprechende Musik, die im Vergleich
zu seinem venezianischen Vorgänger Claudio Monteverdi eine höhere formale
Geschlossenheit aufweist, aber noch nicht in den engen Konventionen der späteren
Barockopern erstarrt ist.
Lucia Cirillo (Mezzosopran) in der Titelrolle,
sowie in den weiteren Rollen Rafaella Milanese, Roberta Invernizzi, Charlotte
Langner, Luísa Tinico (Sopran), Chiara Brunello (Alt), Luca Cervoni (Tenor),
Olivier Bergeron (Bariton) und Valentin Ruckebier (Bass) ließen stimmlich kaum
Wünsche offen. Nuovo Aspetto sorgte mit einer umfangreich instrumentierten
Continuo-Gruppe (Salterio, Arciliuto, Barockgitarre, Harfe, Cembalo) für einen
facettenreichen Orchesterklang. Dennoch konnte ich während der knapp
dreistündigen Darbietung den Gedanken nicht ganz verdrängen, dass Archive auch
ihr Gutes haben...
An einem nasskalten, regnerischen Abend machte man
sich anschließend auf den Weg zum Nachtkonzert in der Herz-Jesu-Kirche. Das
israelische Ensemble Profeti della Quinta stellte dort unter dem Motto „Zwischen
Synagoge und Kirche“ Psalmvertonungen von Salomone Rossi und Claudio Monteverdi
einander gegenüber. Der jüdische Komponist Rossi – eigentlich Shlomo
Mi-ha-Adoumim – und der Katholik Monteverdi waren beide in Mantua am Hof
Vincenzos I. angestellt. Rossi legte seinen weitgehend homophonen
A-capella-Kompositionen die hebräische Originalsprache zugrunde, während sich
Monteverdi der lateinischen Übersetzung und des Basso continuo bediente. Zwei
Sinfonien von Rossi rundeten das Programm ab. Die Profeti, geleitet von Elam
Rotem (Bass und Cembalo) sangen diese geistlichen Werke mit einer
beeindruckenden Stimmkultur. Stellvertretend sei Monteverdis „Laudate Dominum“
für Solostimme und Continuo genannt, die der Countertenor Doron Schleifer mit
brillanten Höhen und nahezu schwerelosen Koloraturen interpretierte. Mit zwei
Kompositionen von Rotem – „Iti milevan kala“ und „The Lamentation of David“,
beide ganz im Stil des Frühbarock gehalten – schlugen sie eine Brücke in die
heutige Zeit. Salomon Rossis Kaddisch-Gebet „Yitgadal Veyitkadash“ erklang zum
Abschluss des Konzerts, das zu den Höhepunkten des diesjährigen Festivals zählt.

Orí Harmelin
(Theorbe) von Profeti della Quinta (Foto: Ingo
Negwer)
Einen besonderen, aber auch eindrucksvollen Zugang zur Alten Musik, vor allem aber zu alten Texten suchten am Sonntagnachmittag Katarina Livljanić, Pino de Vittorio (Gesang) und das Ensemble Dialogos. Unter Rückgriff auf Theaterpraktiken des Mittelalters und der Renaissance brachten sie die Geschichte der kretischen Königstochter Ariadne und des athenischen Helden Theseus, der sie auf der Insel Naxos zurückließ, auf die Bühne der Flottmannhallen. Die Texte waren den Metamorphosen und den Heroides des antiken römischen Dichters Ovid in italienischen Übersetzungen des 14.-16. Jahrhunderts entnommen. Sie wurden in einem weitgehend deklamatorischen Stil gesungen und von Albrecht Maurer (Viola da braccio), Norbert Rodenkirchen (Flöten) und Bor Zuljan (Laute) improvisierend begleitet. Mediterrane Landschaftsbilder in der Videoprojektion verstärkten visuell das ergreifende Bühnengeschehen.

Katarina Livljanić, Albrecht Maurer und Pino de
Vittorio, v.l.n.r. (Foto: Thomas Kost)
Antonio Salieri ist von der Nachwelt viel Unrecht zugefügt worden. Geriet er
zunächst als mittelmäßiger Komponist im Umfeld Wolfgang Amadeus Mozarts in
Verruf, dichtete ihm Miloš Forman in seinem Film „Amadeus“ (1984) quasi einen
Mord an dem beneideten Konkurrenten an. Cecilia Bartoli rückte mit ihrem
Salieri-Album (2003) den Verkannten in ein besseres Licht. Anlässlich des 200.
Todesjahrs des Wiener Hofkomponisten brachten die Tage Alter Musik in Herne nun
Salieris Dramma giocosa „La Grotta di Trofonio“ (1785 uraufgeführt) auf die
Bühne des Kulturzentrums. Die amüsante, kurzweilige Handlung – eine
Gesellschaftssatire über esoterische Neigungen des Wiener Publikums des späten
18. Jahrhunderts – wurde von Giovanni Battista Casti in einem gelungenen
Libretto aufbereitet. Salieri lieferte dazu eine facettenreiche Musik mit
lebendigen Rezitativen, Arien und vielen Ensembles, die jeweils in großen Finali
am Schluss der beiden Akte mündeten. „La Grotta di Trofonio“ besitzt sicherlich
nicht die Tiefe und Komplexität von Mozarts „Nozze di Figaro“ oder „Don
Giovanni“. Doch die Charakterzeichnungen versprühen Witz, insbesondere wenn die
Protagonisten – zwei Schwestern und ihre Bräutigame – durch Trofonios Höhle
gehen, was zu kuriosen Verwicklungen führt. – Mozart und sein Librettist da
Ponte agierten nicht im luftleeren Raum. „Così fan tutte“ wurde fünf Jahre nach
der „Grotta“ in Wien aus der Taufe gehoben.
In Herne sangen Nikolay
Borchev (Bariton) als Aristone, Jonas Müller (Bariton) als Trofonio, Maria
Hegele (Mezzosopran) als Ofelia, Elisabeth Freihof (Sopran) als ihre
Zwillingsschwester Dori, Jan Petryka (Tenor) als Artemidoro und Jorge Navarro
Colorado (Tenor) als Plistene. Alle waren stimmlich bestens auf der Höhe und mit
offensichtlicher Freude bei der Sache. Es entwickelte sich ein amüsantes
halbszenisches Spiel, dass von der Hofkapelle München unter der Leitung von
Rüdiger Lotter ebenso engagiert begleitet wurde. Zum Abschluss der 49. Tage
Alter Musik war diese Aufführung eine gelungene Ehrenrettung Antonio Salieris.
Gerne würde ich „La Grotta del Trofonio“ einmal in einer guten Inszenierung auf
der Opernbühne sehen.
Die Tage Alter Musik in Herne 2025 haben mit spannenden, teils außergewöhnlichen
Konzerten gezeigt, wie die Begegung mit fremden Kulturen die europäische Musik
vom Mittelalter bis zur Moderne bereichert hat. Im kommenden Jahr findet das
Festival zum 50. Mal statt (12.-15.11.2026). Wir dürfen wieder einmal gespannt
sein!
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